Poppenbüttels "alter Adel"
Ihren Ahnen gehörte einst ein Großteil des Stadtteils: Die Hennebergs fühlen sich dem Alstertal verbunden."Gestatten, Henneberg-Poppenbüttel", sagt der aristokratisch aussehende Mann mit den kurzen grauen Haaren, als er die Tür öffnet und mit einladener Geste ins Haus bittet. Er weist auf eine Dame mit kurzen blonden Locken neben ihm. "Meine Schwester Johanna Henneberg. Sie ist auch meine Cousine. Denn mein Vater war zugleich mein Onkel und meine Mutter meine Tante." Georg-Eduard Henneberg-Poppenbüttel macht eine kunstvolle Pause. Der Besucher kapiert gar nichts, was Henneberg-Poppenbüttel sichtlich genießt.
Er löst das Rätsel mit einem verschmitzten Lächeln: "Als mein Vater starb, adoptierte mich mein Onkel, der selber keine Kinder hatte." Ach ja? Er fährt fort: "1965 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz angeboten, das er als guter Hanseat aber ablehnte. Statt des Ordens durfte er sich den Namen seines Stadtteils anhängen." Alles klar. Nun aber hereinspaziert in das Haus am Alsterufer, das mit seinem holzverkleideten Giebel und den Fensterläden ein wenig an ein Schwarzwaldhäuschen erinnert, tatsächlich aber ein Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Hennebergschen Anwesens in Poppenbüttel ist. Die Familie Henneberg ist mit Poppenbüttel seit 1855 verbunden. Damals zogen Albert Caesar Henneberg und sein Cousin Bruno, der Urgroßvater von Johanna Hennberg und ihrem Bruder, in das Dorf am Oberlauf der Alster, das damals noch zu Preußen gehörte. Albert Caesar ließ sich auf dem Marienhof nieder und legte den Henneberg-Park an, Bruno betrieb einen 450 Hektar großen Gutshof - damit gehörte ihnen fast das ganze Dorf. Johanna und Georg-Eduard Henneberg wuchsen in einem reetgedeckten Haus im Park auf, das im Zweiten Weltkrieg von einer Bombe getroffen wurde. "Wir waren im Keller, als es passierte", erzählt Johanna Henneberg. "Mein Elternhaus brannte ab. Aber mein Vater konnte noch etliche Möbel retten." Weil das Haus abgerissen werden musste, bezog die Familie ein Nebengebäude auf dem großen Grundstück direkt an der Alster. Dort - zwischen den geretteten, hochherrschaftlichen Möbelstücken - wohnt Johanna Hennberg noch heute. Ihr Bruder besucht sie oft. Während im Wohnzimmer und rund ums Haus noch alles so wie früher aussieht, gibt es das Poppenbüttel ihrer Kindertage nicht mehr. Bereits 1930 beteiligte sich Großvater Eduard Henneberg an der Gründung der Alsterthal-Terrain-Gesellschaft, parzellierte große Teile seines Landes und verkaufte es als Bauland. So entstanden die Siedlungen Heimgarten, Eichenredder und Goldröschenweg. "Als Junge habe ich unser Vieh vom Poppenbüttler Markt zu den Weiden am Kiwittsmoor gebracht, ohne dass mir ein Auto begegnet ist", sagt Henneberg-Poppenbüttel. Heute durchqueren mehrere große Straßen das beliebte Wohngebiet zwischen zwischen Hummelsbüttel, Lemsahl-Mellingstedt, Sasel und Wellingsbüttel. Obwohl Poppenbüttel der am dichtesten besiedelte und bevölkerungsreichste Stadtteil des Alstertales ist, verbringen viele hier gerne ihre Freizeit. Bei gutem Wetter sind Bootstouren sehr beliebt. Als Ausflugsziele locken das Café Randel oder das Restaurant Locks im ehemaligen Schleusenmeisterhäuschen direkt an der Poppenbüttler Schleuse. An Pfingsten und im September wird in Poppenbüttel Jahrmarkt gefeiert. "Dort, wo zu unseren Zeiten einmal jährlich Vieh und Körbe verkauft wurden, stehen dann Karussells und Auto-Scooter", sagt Johanna Henneberg. Auch wenn sie sich gern an vergangene Zeiten erinnert, ist sie nicht wehmütig. "Der Fortschritt macht sich eben überall breit", kommentiert sie die Wandlung des Agrar- und Handwerksortes zu einem Stadtteil mit mehr als 20 000 Einwohnern. Mit dem Industriegebiet am Poppenbüttler Bogen und mit den Seniorenwohnanlagen, die Poppenbüttel in statistisch zum "ältesten Stadtteil Hamburgs" machen, hat sie sich abgefunden. Widerwillen verspürt sie nur gegen das AEZ, das sie und ihr Bruder aus Protest erst lange nach der Eröffnung zum ersten Mal betreten haben. "Wenn ich einkaufen will, gehe ich ins Dorf", sagt sie und meint damit die Einzelhandelsgeschäfte, die sich in Poppenbüttels Zentrum befinden. Hier trifft Johanna Henneberg häufig auf Spielkameraden aus Kindertagen, die Poppenbüttel - genau wie sie - treu geblieben sind. erschienen am 3. Februar 2007 Hamburger Abendblatt |